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„Atom-Müll“ in Wiesbaden? Ärger um Schutt aus Stade

20150826-112038-40838901.jpgWiesbaden, 25. August 2015 – Eine Anfrage bei den Entsorgungsbetrieben (ELW) sorgt derzeit für Ärger: Die Hessische Industriemüll (HIM) hat die ELW angefragt, ob sie 1.000 Tonnen Bauschutt aus dem nicht-radioaktiven Bereich des Kernkraftwerkes Stade (Foto oben, z.B. Pförtnerhäuschen oder Kantine) einlagern könnte. Der Schutt wurde freigemessen, das bedeutet, es wurde messtechnisch nachgewiesen, dass der Abfall so wenig radioaktive Aktivität zeigt, dass er nicht mehr überwacht werden muss. Laut einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt das vor, wenn „die spezifische Gesamtaktivität nicht größer als 0,1 Bq/g (a0) ist“. Ein Bq (oder ein Becquerel) entspricht einem Zerfall pro Sekunde als Maß für die radioaktive Aktivität. Der menschliche Körper enthält zum Beispiel etwas mehr als 0,1 Becquerel pro Gramm Körpergewicht.
Der Schutt aus Stade würde der Stadt etwa 275.000 Euro Einnahmen bringen, fünf mal mehr als normaler Bauschutt.
Grünen und SPD in der Stadt macht aber der Schutt Sorgen. Die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Stadtverordnetenfraktion, Nadine Ruf, äußert in einer Pressemitteilung unter dem Titel „SPD gegen Atommüll in Wiesbaden“ erhebliche Zweifel an der Unbedenklichkeit der Abfälle: „Die rechtliche Kategorie bedeutet nicht, dass das Material strahlungsfrei ist, sondern es liegt nur unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte. Ob es auch langfristig ungefährlich ist, bleibt unter Fachleuten umstritten“. Und weiter: „Schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass man genauer hinschauen sollte, wenn sich trotz des deutlich höheren Deponiepreises in ganz Niedersachsen kein anderer Abnehmer findet.“ Außerdem befürchtet Ruf einen Image-Schaden für die Stadt: „Wir geben jedes Jahr Hunderttausende von Euro für Stadtmarketing aus, um das Image der Stadt zu verbessern und sind dann bereit, dieses Image für einen einmaligen Mehrerlös von rund 200.000 Euro dauerhaft zu beschädigen?“ Auch die geplante Deponie-Erweiterung in Wiesbaden bringt sie ins Spiel: „Ich habe da so meine Zweifel, ob ein Ausbau der Deponie in ein ökologisch wertvolles Gebiet wirklich vertretbar ist, wenn wir noch genug Platz haben Müll aus Italien oder Atomanlagen-Schrott wie aus Stade abzulagern“. Ihre Forderung: Der zuständige Dezernent Dr. Oliver Franz (CDU) soll das Thema im Umweltausschuss zur Diskussion stellen.
Die Grünen im Rathaus fordern den Magistrat zur Umkehr auf. Christiane Hinninger, Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN im Wiesbadener Rathaus: „Es kann nicht sein, dass solche Gefahren für die Wiesbadener Bevölkerung billigend in Kauf genommen werden“. Eine Studie des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) belege, dass die auf Deponien abgelagerte Radioaktivität unterschätzt wird. „Wir sind wie der BUND der Ansicht, dass die Freigabewerte für die Ablagerung derartigen Materials im Sinne eines vorbeugenden Strahlenschutzes zu hoch sind“, so Hinninger weiter. Die Grünen fordern eine Sondersitzung des Umweltausschusses.
Die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Rathausfraktion und stellvertretende Vorsitzende des Umweltausschusses, Nicole Röck-Knüttel, findet die Diskussion unsachlich: „Es handelt sich bei der Anfrage, die den ELW vorliegt, keinesfalls um ‚Atommüll‘, sondern um freigemessenen und unbedenklichen Bauschutt. Die Strahlenschutzverordnung schreibt strenge Messungen vor, bevor es zu einer Entsorgung kommt. Die Deponieklasse II auf der Wiesbadener Deponie reicht dafür vollkommen aus. Radioaktiv-belastetes Material dürften die ELW auch gar nicht entsorgen. Das ist ausgeschlossen“. Und, so Rock-Knüttel weiter: „Es verwundert auch, dass die Vertreter von SPD und Grünen in der Betriebskommission in der Sitzung keine inhaltlichen Bedenken formuliert haben und nun vier Tage später fachfremd und populistisch von „Atommüll“ sprechen. Gerne führen wir eine sachliche Debatte, ob überhaupt ein Angebot abgegeben werden soll, denn Fakt ist auch, dass es bisher nur eine Anfrage gibt, über die noch nicht entschieden worden ist.“ Auch stehe die Zusage des Dezernats, „dass gerne alle Fragen in einer Sitzung des Umweltausschusses beantwortet werden, und dass neben den Messungen vor Ort in Stade auch noch einmal eigene Messungen vor der Einlagerung auf der Deponie durchgeführt werden können“.
Die nächste reguläre Sitzung des Umweltausschusses findet am 15. September statt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. August 2015 von und getaggt mit , , , , , , .
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