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Zivilcourage – Ja, aber wie? Kommissarin Heidi Bochnig erklärt’s

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Frau Georgi sitzt im Bus auf ihrem Lieblingsplatz im „Vierersitz“ am Fenster. Sie fährt von der Arbeit nach Hause. Plötzlich setzen sich zwei junge Männer neben sie, lachen laut, schubsen sie an, reden auf sie ein. Ihr ist sichtlich unwohl dabei, aber die Männer machen ungestört weiter. Hilflos sieht sie sich um, aber die anderen Fahrgäste schauen weg, keiner scheint ihr helfen zu wollen.

„Was würden Sie jetzt tun?“ fragt Heidi Bochnig (45).
Die Polizeioberkommissarin aus Wiesbaden schult im Seminar „Zivilcourage – Ja, aber wie?“ interessierte Bürger im Umgang mit „Konflikten mit Dritten im öffentlichen Raum“.

„Viele kommen zu unserem Seminar und möchten erst mal wissen, wie sie sich nachts bei einem Einbruch verhalten sollen. Aber darum geht es hier nicht, sondern um Zivilcourage.“
In verschiedenen Rollenspielen lernen im Seminar jeweils maximal 20 Teilnehmer das richtige Verhalten, wenn es Krach gibt, im „öffentlichen Raum“ – im Bus, auf dem Parkplatz, an der Haltestelle.

„Viele sagen ‚Ich bin so unsicher wie man hilft‘ oder ‚ Ich war so erschrocken, ich war wie erstarrt‘. Wir möchten Strategien aufzeigen, wie man das bewältigen kann.“

Alles ist dabei opferzentriert. Heidi Bochnig erklärt: „Es geht nicht um Selbstverteidigung oder darum, die Täter anzusprechen, wir wollen uns auf die Opfer konzentrieren und zur Aufmerksamkeit anregen. Motto: Gewalt sehen und helfen.“

Kein zweiter Superman wird gesucht, sondern normale Menschen, die hinsehen statt wegschauen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen.

Konkret sieht das so aus: Zuerst lernen die Teilnehmer etwas über die unterschiedlichen Arten der Gewalt: Physische (körperliche) Gewalt, Psychische (seelische) Gewalt, Strukturelle Gewalt (auch als „Höhere Gewalt“ bekannt).
Die Teilnehmer dürfen sich an Fragen versuchen: Ein Vater reißt sein Kind vor einem Auto weg in Sicherheit und verletzt es dabei – Gewalt oder nicht?
„Wichtig ist zu verstehen, dass Menschen ein unterschiedliches Verständnis von Gewalt haben. Was zwei Jugendliche witzig finden, ist für einen Senior vielleicht schon ein Angriff. Jeder fühlt Gewalt anders.“

Dann folgt das erste Rollenspiel, dargestellt von speziell ausgebildeten Kräften. Ein Fußballfan führt sich laut schimpfend hinten im Bus übel auf. Ein Zeitung lesender Senior fühlt sich gestört.
Es entsteht ein Streit, plötzlich ruft der Senior den Fußballfan zu sich „komm doch her, Du…“

Jetzt sind die Teilnehmer dran: Wer ist Täter? Wer Opfer? Wann gab es die Eskalation und warum?
Lautstärke, Ansprache (Sie/Du), Schimpfworte, verringern der Distanz sind wichtig.
Was hätte man besser machen können? Ideen werden abgefragt. Dann darf jeder mal in die Rolle des „genervten Mitfahrers“ schlüpfen und seine Problemlösungsstrategie am „störenden Fußballfan“ ausprobieren.

Erfahren statt belehren ist das Motto.
Heidi Bochnig erklärt: „Die Lösungen müssen natürlich zur Person passen. Wir hatten mal einen Teilnehmer, der hat den Störer mit dem Thema Fußball totgequatscht und ihn so abgelenkt. Das passt natürlich nicht zu jedem.“

Weitere Lösungswege: Nicht auf den Störer reagieren, Ohren auf „Durchzug“ stellen, nach vorne zum Busfahrer gehen oder laut schreien, Aufmerksamkeit erregen, per Handy die Polizei rufen, wenn nötig an der nächsten Station den Bus verlassen.

Wichtig ist: „Opfer können sich oft gar nicht helfen oder bemerkbar machen, sie sind wie erstarrt. Deshalb sollte man sie aktiv aus dem Gefahrenbereich holen. Wenn ich eine Frau sehe, die im Bus von Männern bedrängt wird, würde ich die Frau am Arm packen und dort wegziehen. Wenn ein Senior belästigt wird, nicht den Täter ansprechen, sondern mit dem Senior die Gefahrenzone verlassen oder per Handy Hilfe holen.“
Auch Überraschendes Verhalten kann helfen: „Bei einem Rollenspiel hielt man einer Frau ein Messer an den Hals. Die Bedrohte hat sich plötzlich zu Boden fallen lassen. Der Täter war überrascht und raus aus der Rolle.“

Auf jeden Fall gilt: Bringen Sie sich nicht in Gefahr. Hilfe holen, Polizei rufen – das bringt viel.

Sich mit dem Angreifer auf eine Diskussion oder gar einen Kampf einzulassen, ist keine gute Idee: „Viele Menschen überschätzen sich. Sie glauben, sie könnten es mit einem Angreifer aufnehmen, weil sie mal vor Jahren einen Selbstverteidigungskurs gemacht haben. Wir fragen dann immer die Regeln des Straßenkampfes ab und schauen in ratlose Gesichter. Es gibt nämlich keine. Für die Auseinandersetzung mit den Tätern sind wir von der Polizei da. Es geht darum, den Opfern zu helfen.“

Noch ein Tipp: „Fragen Sie Opfer, zum Beispiel die bedrängte Frau im Bus, nicht ob Sie helfen sollen. Die Opfer können darauf oft nicht antworten, sind zu eingeschüchtert oder es ist ihnen peinlich. Helfen sie einfach, holen sie sie aus der Situation, ohne auf die Täter einzugehen.“

Auch Distanzzonen, Agressionskurve, Konflikteinstieg und -Ausstieg werden im Seminar vermittelt.

Neugierig? Das Zivilcourage-Seminar (4 Stunden, 3 Moderatoren) steht jedem ab 18 Jahren offen, kann nach vorheriger Anmeldung kostenlos besucht werden. Termine finden Sie auf der Homepage der Gesellschaft Bürger und Polizei, Anmeldungen sind per Mail an zivilcourage.ppwh@polizei.hessen.de oder telefonisch unter 0611/345-1621 möglich. Eine Teilnahmebescheinigung gibt es natürlich auch. „Die wird auch bei Arbeitgebern gerne gesehen“, sagt Heidi Bochnig. Übrigens: Auch Gruppen und Firmen können (ab 12 Teilnehmern) das Seminar buchen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Februar 2013 von und getaggt mit , , , , , .
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