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Tausende Besucher: So feierte Wiesbaden die Nacht der Kirchen

In der farbig illuminierten Lutherkirche genossen über 900 Besucher verschiedene Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

In der farbig illuminierten Lutherkirche genossen über 900 Besucher Orgelkonzerte Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

Wiesbaden, 6. September 2015 – „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer…“ lautete das Motto der „Nacht der Kirchen“, die am Freitag in Wiesbaden zum 14. Mal stattfand. Tausende Besucher waren wieder beim Fest der Gemeinden evangelische, katholische und andere) dabei. An 15 Kirchorten gab es mehr als 50 verschiedene Programmpunkte: Konzerte, Lesungen, Turm- und Kirchenführungen, Andachten, Meditationen, Gebete, Kunstausstellungen und mehr. In mehreren Shuttle-Bussen waren die Menschen die gesamte Nacht unterwegs und besuchten neben den katholischen und evangelischen Innenstadtkirchen auch die anglikanische Kirche St. Augustine, die amerikanische Militärseelsorge auf dem Hainerberg, die Altkatholische Friedenskirche, die ökumenische Kapelle im St. Josefs-Hospital und die Russisch-Orthodoxe Kirche auf dem Neroberg.
Der evangelische Dekan Dr. Martin Mencke und der stellvertretende katholische Stadtdekan Stephan Gras dankten in ihrer Schlussandacht den Besuchern, die in dieser Nacht zu tausenden die Kirchen füllten, mitmachten, mitsangen, lauschten und zuhörten und dabei „Besonderes, aber auch ganz Normales“ entdeckten.
Kirchennachtbesucherin Dörte Fardella ist begeistert von der diesjährigen Veranstaltung: „Eine wunderbare Gelegenheit, sich Kirchen ansehen zu können, in die wir sonst nicht kommen. Wir haben uns überall willkommen gefühlt in warmer Atmosphäre.“ Eine Besucherin aus Breckenheim freute sich über die Vielseitigkeit des Programms: „Ich fange jetzt mal mit dem Maler Eberhard Münch in der Kreuzkirche an, aber ich weiß gar nicht, ob ich das, was mich interessiert, in dieser einen Nacht alles schaffe.“<br />Das musikalische Programm in der Marktkirche mit den Dancing Pipes und dem Gospelchor Xang lockte allein mehr als 1000 Menschen in das protestantische Gotteshaus. Bei der Eröffnungsandacht in der kleinen Krypta der Marktkirche hörten mehr als 80 Interessierte nachdenklichen Worten zur aktuellen Flüchtlingskatastrophe zu: In Bezug auf die alttestamentliche Geschichte von Jakob, der vor seinem Bruder Esau flieht, und in einem Traum Gottes Stimme hört, fragte die Vikarin Mareike von Nordheim: „Wollen wir träumen, dass sich die harten Steine der Bahnhöfe und Straßen, wo Menschen, Flüchtlinge sich schlafen legen müssen, in Häuser Gottes verwandeln? Wollen wir träumen, dass sich harte Steine von Vorurteilen und Aggression in Danksteine verwandeln?“ und erklärte weiter: „Wenn wir anfangen so zu träumen, dann dürfen wir gewiss sein: Er ist schon da. Er öffnet schon die Treppe zwischen Himmel und Erde. Er vergisst sein Versprechen nicht. Er behütet uns, er spannt seinen großen Hut über alle aus.“
Die aktuelle Flüchtlingsdebatte hat auch den Wiesbadener Maler Eberhard Münch kurzfristig dazu bewegt, eine Installation zum Thema zu schaffen: In der Evangelischen Kreuzkirche hat er auf einem riesigen schneeweißen Banner die Worte von Jesus – „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – ausgeschnitten. Komplementär dazu ist draußen – im Lichthof des Gemeindezentrums – ein weiteres Banner zu sehen, auf dem in großen Buchstaben die Worte zu lesen sind: „Ich bin der Flüchtling vor der Tür“. „Diesen Satz würde Jesus heute sagen“, erklärt Kreuzkirchenpfarrer Ralf Schmidt. „Die Worte in großen Lettern, ohne Farbe, nur weißes Papier und Schatten, mahnen uns in der Dämmerung und dem gleißenden Licht der Nacht, jetzt Position zu beziehen“, so der Pfarrer. Eberhard Münch, der Meister der leuchtenden Farben, verzichtet hier bewusst auf alle Farbigkeit. Die messerscharfen Schnitte und die fetzende Schrift auf dem Banner stehen symbolisch für das Elend der Menschen, die auf der Flucht sind.

Heitere, zum Teil aber auch schwere Kost, boten die Ringkirche und die katholische Stadtkirche St. Bonifatius: Nachdenkliches zum Zweiten Weltkrieg, unter anderem mit Texten von Paul Celan, Ernst Jünger, Ricarda Huch und Alfred Döblin, sowie eine musikalische Revue sorgten für eine komplett voll besetzte Ringkirche. In der nur von Kerzen illuminierten Kirche St. Bonifatius wurden die Besucher ebenfalls von Litertaur und Musik im Wechsel empfangen: Lesungen aus Anna Seghers „Das siebst Kreuz“ oder dem „Tagebuch der Anne Frank“ wechselten mit Orgelvariationen ab.

In der farbig illuminierten Lutherkirche genossen mehr als 900 Besucher eine große Bandbreite an verschiedenen Orgelkonzerten. Lutherkirchen-Küster Lothar Dittmar hatte bis Mitternacht alle Hände voll zu tun, die vielen Menschen in kleinen Gruppen auf den Turm (148 Stufen) seiner Kirche zu begleiten, die dort staunend auf das nächtliche Wiesbaden schauten.

In Wiesbaden ist es Tradition, dass sich neben den evangelischen und katholischen Kirchen auch andere christlichen Gemeinschaften bei der „Nacht der Kirchen“ beteiligen. Die Anglikaner lockten mit einem hochkarätigen Musikprogramm, einer familiären Atmosphäre und einer so liebevollen Gastfreundschaft mehr als 700 Menschen in ihre 150 Jahre alte Kirche St Augustine of Canterbury. Eine Besucherin begeistert: „Hier stehen im wahrsten Sinne des Wortes sämtliche Türen offen. Es ist einfach eine sehr, sehr lebendige und familiäre Atmosphäre – das gefällt mir wahnsinnig gut.“ Die Altkatholische Friedenskirche war den gesamten Abend ebenso gut gefüllt: Die Band „Zeitfarben“, die sich in diesem Sommer aufgelöst hatte, bot bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt Sacro-Pop und Kirchenrock zum Mitsingen. Und die Hainerberg-Chapel konnte sich trotz der strengeren Sicherheitsvorkehrungen, die dieses Jahr herrschten, vor einem Besucheransturm kaum retten. Hunderte wollten die christliche Militärseelsorge auf dem Hainerberg kennenlernen, sodass die Shuttle-Busse der ESWE kaum nachkamen. Oberstleutnant Dr. John Kaiser, leitender Militärpfarrer mit bayrischen Vorfahren, ist zum vierten Mal in Deutschland stationiert, war begeistert über das große Interesse der Besucher und rief ihnen zu: „Gott schütze Sie alle!“

Hochkarätige Besetzung zum Jubiläum in der 150 Jahre alten anglikanischen Kirche St. Augustine of Canterbury: Sopranistin Sharon Kempton, Pianistin Erika LeRoux, Reverend Christopher Easthill, Mezzosopran Tami Jantzl, Wagner-Tenor John Treleven, Bariton Ivan Williams und Chorleiterin Deborah Lynn Cole, Sopran Foto: Gesine Werner

Hochkarätige Besetzung zum Jubiläum in der 150 Jahre alten anglikanischen Kirche St. Augustine of Canterbury (v.l.): Sopranistin Sharon Kempton, Pianistin Erika LeRoux, Reverend Christopher Easthill, Mezzosopran Tami Jantzl, Wagner-Tenor John Treleven, Bariton Ivan Williams und Chorleiterin Deborah Lynn Cole, Sopran Foto: Gesine Werner

Das musikalische Programm mit Dancing Pipes und dem Gospelchor Xang lockte mehr als 1000 Menschen in die Marktkirche Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

Das musikalische Programm mit Dancing Pipes und dem Gospelchor Xang lockte mehr als 1000 Menschen in die Marktkirche Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

Der stellvertretende katholische Stadtdekan Stephan Gras (l.) und der evangelische Dekan Dr. Martin Mencke bei der Schlussandacht gegen 23.30 Uhr in der Marktkirche Foto: Gesine Werner/Ev. Dekanat Wiesbaden

Der stellvertretende katholische Stadtdekan Stephan Gras (l.) und der evangelische Dekan Dr. Martin Mencke bei der Schlussandacht gegen 23.30 Uhr in der Marktkirche Foto: Gesine Werner/Ev. Dekanat Wiesbaden

Kunst aus Papier: Die Installation von Eberhard Münch in der Kreuzkirche bestand aus den Worten "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" in großen Lettern ohne Farbe Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

Kunst aus Papier: Die Installation von Eberhard Münch in der Kreuzkirche bestand aus den Worten „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ in großen Lettern ohne Farbe Foto: Andrea Wagenknecht/Ev. Dekanat Wiesbaden

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Dieser Eintrag wurde am 6. September 2015 von veröffentlicht.
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