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Tausende bei Orgel, Licht und Sekt: So schön war die Nacht der Kirchen

Kreative Weinprobe: Die beiden Bergkirchenpfarrer Helmut Peters (links) und Markus Nett schlüpfen in die Rollen von Weinbergarbeiter und Sommelier. Foto: Andrea Wagenknecht

Kreative Weinprobe: Die beiden Bergkirchenpfarrer Helmut Peters (links) und Markus Nett schlüpfen in die Rollen von Weinbergarbeiter und Sommelier. Foto: Andrea Wagenknecht

Wiesbaden, 3. September 2016 – Tausende Besucher erlebten gestern Nacht Gospelmusik, Gesang und ländliche Frömmigkeit, Bibelinterpretation, Orgel, Jazz und Gregorianik, Essen und Trinken, Singen und Zuhören und einiges mehr. Zum 15. Mal lud die „Nacht der Kirchen“ auf Tour durch die Wiesbadener Gotteshäuser ein. Die Teilnehmer konnten dabei  ganz praktisch erfahren, was unter dem Dach des christlichen Glaubens alles möglich ist. Denn, so die evangelische Stadtkirchenpfarrerin Anette Kassing in der Eröffnungsandacht in der Marktkirchenkrypta: „Die Nacht schärft unsere Sinne und lässt uns intensiver spüren“. Davon überzeugten sich mehrere tausend „Nacht der Kirchen“-Besucher: St. Bonifatius, wunderbar von außen und innen ausgeleuchtet, wirkte in der Dunkelheit mystisch. Die Menschen entdeckten das Gotteshaus aber in dieser Nacht  ziemlich modern – per Smartphone und You-Tube-Video.

In der Kirche Maria Hilf ließ Sebastian Heeß auf der Orgel Ungewöhnliches erklingen: Popsongs, wie bekannte Balladen von Coldplay, wurden im stimungsvoll illuminierten Kirchenraum präsentiert und lockten zahlreiche Besucher in die Kellerstraße.

Ungewöhnlich auch die evangelische Kirche Naurod: Von außen rund, von innen achteckig geschnitten, Altar, Kanzel und Orgel übereinander angeordnet, wie in kaum einer anderen Vorortkirche. So beschlossen die Nauroder, dass sie an diesem Abend ihre eigene Kirche präsentieren wollten – und waren im Vorfeld mit Mikrofon im Ort unterwegs: „Wir haben Klänge aus der Gemeinde aufgenommen“, erklärte Pfarrerin Arami Neumann. Nauroder Bürger lasen dafür Verse, die im Kirchenraum auf Tafeln gemalt sind. Alte und junge, männliche und weibliche Stimmen waren zu hören, immer mit meditativer Musik. Diese Präsentation des Raumes ließ die knapp 250 Besucher aufhorchen und regte zum Nachdenken an.

Vor der Kirche gab’s leckere Stärkung: Die Konfirmanden servierten Spinattaschen und Sekt. „Das meiste Essen ist jetzt schon weg“, sagte einer der Jungs um 21 Uhr – da war die Nacht in Naurod noch lange nicht zu Ende.

In der Anglikanischen Kirche St. Augustine konnten die Kirchennachtbesucher die bizarre Kunstperformance „Die Beerdigung“ in Kooperation mit der Biennale Wiesbaden erleben: In der vollbesetzten Kirche wurde in einem inszenierten Trauergottesdienst „Unsere Unschuld“ zu Grabe getragen.

In der Marktkirche zählte der evangelische Pfarrer Holger Saal mit den bewährten Auftritten der „Dancing Pipes“ und des Gospelchors „Xang“ sowie dem Kindermusical „Joseph“ eine Rekordzahl von mehr als 1500 Besuchern. 

Rund 220 Portionen biblischen Essens hatte er vor der Kirche verkauft, denn Kirchennacht macht hungrig. Stärken konnte man sich auch mit den von Pfarrer Ralf Gmelin selbstgemachten Falafeln in der Ringkirche.

Wein, Kleinigkeiten zum Essen, Musik in allen Facetten, stimmungsvolles Licht und Scharen von Besuchern mit blauen Programmheften in den Händen prägten auch das Bild in den anderen Kirchen. Die Kreuzkirche verbuchte sogar zwei Kircheneintritte.

Die Bergkirche war voll besetzt, als die beiden Pfarrer Markus Nett und Helmut Peters in die Rollen eines Arbeiters im Weinberg und eines Sommeliers schlüpften. Mehr als eine Stunde lang lachten die rund 250 Besucher über die kabarettistische Weinprobe der beiden Pfarrer. Dass den Zuschauern und den Mitwirkenden währenddessen sechs verschiedene Weine ausgeschenkt wurden, tat für die gute Stimmung sein Übriges. Nett und Peters teilten während ihres Spiels ordentlich aus. Ihr Fett weg bekamen unter anderem die Kirchenverwaltung, die Bundespolitik und der ehemalige Propst Dr. Sigurd Rink.

Gerade die Außenorte – in diesem Jahr Sonnenberg, Naurod, Auringen, die Autobahnkirche Medenbach und die evangelische Kirche Wildsachsen – profitierten von der Großveranstaltung: Die Sonnenberger Kirchen freuten sich über knapp 300 Besucher. Der evangelische Pfarrer Thomas Hartmann hatte „Schöpfungsmythen der Welt“ als Thema des Abends gewählt. Und da gab es schon sehr viel mehr als nur die biblischen Texte: Aus den Psalmen las Hartmann vor, aber auch aus der germanischen „Edda“, aus ägyptischen Texten – und er zitierte sogar einen wissenschaftlichen Exkurs über den Urknall: „Denn auch das ist ja ein Mythos. Niemand kann es beweisen – die Physik versucht es zu erklären, aber letztendlich ist alles Spekulation“. Über hundert Zuhörer in der kleinen Thalkirche lauschten den Ausführungen des Pfarrers, die von dem wunderbaren Trio Andreas Karthäuser (Harmonium) Szilvia Toth (Klavier) und Jens Hunstein (Saxofon) mit Musik von Alexander Glazunow untermalt wurden. Der Pfarrer freute sich: „Es sind sehr viele Menschen hier, die ich noch nie in dieser Kirche gesehen habe“. Dann machte er schnell Schluss, denn die Musiker mussten um 20 Uhr bereits in der einige Schritte entfernten katholischen Kirche weiterspielen: Dort widmete sich der Kollege Frank Schindling einem ganz anderen Thema, nämlich „Hochzeit“. Er las eigene Texte, und die Musiker – dieses Mal mit Wolf Dobberthin am Saxofon – intonieren Hochzeitsmärsche und -Tangos aus diversen musikalischen Epochen.

 Freude auch in Auringen: Die kleine evangelische Kirche, die gerade ihren 300. Geburtstag gefeiert hat, platzte aus allen Nähten. Pfarrerin Bea Ackermann leitete ihren eigenen Projekt-Gospelchor, der vor fünf Jahren gegründet wurde und bei besonderen Anlässen in der Gemeinde auftritt. „This little light of mine“, sang der Chor, Zuhörer durften Mitmachen. 

 In der großen Innenstadt-Kirche St. Elisabeth leuchteten viele Kerzen. Der spektakuläre, riesige Leuchter, der den Kirchenraum überspannt, war gedimmt, die Atmosphäre meditativ. Die Choralschola – zehn Männer in Ministrantenuniform – begab sich in den Orgelraum und trug lateinische Gesänge vor. „Ora et labora“, das benediktinische Motto, war die Überschrift des Abends. Die Reihen nur spärlich gefüllt, aber wer da war, schien ergriffen von der kontemplativen Stimmung im riesigen Raum. Pastoralreferentin Jutta Fechtig-Weinert gab kurze Denkanstöße zum Thema „Bete und arbeite“ – die Balance zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Arbeit und freier Zeit, die das Leben sinnvoll strukturieren soll. Dazwischen sangen die Männer der Choralschola und Organist Evert Groen schuf musikalische Bilder. Während der 45-minütigen Andacht herrschte Kommen und Gehen, doch die Besucher verhielten sich leise und höflich. Konzentration und Gelassenheit: An diesem Abend sehr spürbar in St. Elisabeth.

Dass die Nacht der Kirchen seit jetzt schon 15 Jahren auf so ungebrochen großes Interesse bei den Wiesbadenern stößt, freut die Veranstalter. Der evangelische Dekan Dr. Martin Mencke: „Es ist schön, dass Kirche – mitten in unserer Zeit und in unserem Leben stehend – in dieser besonderen Nacht ihre Türen einladend öffnet und viele Menschen ihre Herzen.“  Pastoralreferent Thomas Weinert vom katholischen Stadtbüro hofft, dass die Veranstaltung in ökumenischer Verbundenheit noch viele Jahre weiter besteht: „Es ist schön zu sehen, dass diese Nacht die Menschen in Bewegung bringt, denn es geht um Begegnungen – mit anderen, mit sich selbst und mit Gott.“

Text und Fotos: Andrea Wagenknecht 

Spinattaschen und Sekt: Konfirmanden haben die Kirchennachtbesucher vor der Kirche in Naurod bewirtet. Foto: Anja Baumgart-Pietsch

Spinattaschen und Sekt: Konfirmanden haben die Kirchennachtbesucher vor der Kirche in Naurod bewirtet. Foto: Anja Baumgart-Pietsch

Wunderbar illuminiert: Die Kirche St. Bonifatius. Foto: Andrea Wagenknecht

Wunderbar illuminiert: Die Kirche St. Bonifatius. Foto: Andrea Wagenknecht

Kindermusical „Joseph“ in der Marktkirche. Foto: Andrea Wagenknecht

Kindermusical „Joseph“ in der Marktkirche. Foto: Andrea Wagenknecht

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. September 2016 von und getaggt mit , .
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